Eine Weihnachtsgeschichte

Als das Junkiegirl gegangen war, blickte Clement, immer noch nackt, ihr aus dem Fenster nach, bis sie um die Ecke bog. Er hatte ihr sein letztes Geld mitgegeben, ihr aber nicht gesagt, dass es das letzte Mal war. Es schneite noch immer.
Ein zufälliges, aber passendes Geschenk, dachte Clement, es wird den Effekt steigern. Die Reflexion der Schneedecke erhöhte die feierliche Wirkung der Straßen- und Weihnachtsbeleuchtung.
Clement las ein letztes Mal die ausgedruckte e-mail von „webmaster@lonelygays.net“ mit der Einladung zur Silvesterparty. Er lächelte über die Waschweibervertraulichkeit des Tonfalls. Vom Bildschirm grinste ihn Harrys Screensavermakellosigkeit an, als ob nichts geschehen wäre.
Er hätte Harry das Verhältnis mit dem Mädchen nicht gestehen dürfen und eine andere Erklärung für seinen positiven Befund erfinden müssen. Die Liebe hat ein Recht auf Lüge. Clement wußte, dass Harry ihm nie so recht vertraut und regelrecht darauf gewartet hatte, reale Gründe für seine Eifersucht zu finden.
Reue macht Fehler höchstens schlimmer, dachte Clement, als er in die offene Klappe des alten Holzofens auf die jetzt schnell verbrennende Mail starrte. Er fütterte das Feuer weiter mit Briefen und Dokumenten aus den neben dem Ofen gestapelten Ordnern, trank langsam eine zweite Flasche Chianti dazu und wunderte sich, dass er nicht nervöser war.
Er spürte eher ein wohliges Gefühl der Genugtuung bei der Vorstellung, wie morgen früh all die braven Kirchgänger seinen nackten Arsch und seinen Pimmel würden sehen können. Vielleicht käme er sogar mit einem Foto in die Zeitung, als weihnachtliche Wichsvorlage für schmuddelig-geile Bürgerträume.
Als die Ordner leer waren, kramte Clement noch die restlichen Beweise seiner Existenz aus den Schubladen. Kontoauszüge, Personalpapiere, ein paar Fotos – die Flammen schmeichelten ihm ihre freundliche Hilfestellung mit leisem Knistern.
Nachdem das letzte Dokument zu Asche geworden war, setzte sich Clement an den Rechner und überlegte kurz, ob er im Forum noch eine Nachricht hinterlassen sollte. Nein, die hatten kein Anrecht, sich in schlechtem Gewissen oder seichter Mitleidigkeit zu suhlen. Er war aus der Vergangenheit des realen Sein in die fiktive Cyberwelt eingetreten und würde sie in die Zukunft des realen Nichtsein wieder verlassen. Clement klickte auf das Programm zur Neuformatierung der Festplatte.

Im Schlafzimmer schüttelte Clement noch sein Bett auf, dass es wie unberührt erschien, zog den Bademantel an, den er mit einem langen Ledergürtel um seine Hüfte schnürte, nahm Harrys Weihnachtsgeschenk, eine rote Nikolausmütze, von der Garderobe und verließ barfuß das Haus.
Er hatte keinen weiten Weg in den Frühstunden dieses Feiertages, ging aufrecht und gemessenen Schritts an den weihnachtlich dekorierten Geschäftsauslagen vorbei, warf seinen Schlüsselbund durch die Ritzen eines Kanaldeckels, er fror nicht. Die elektrischen Kerzen des großen Christbaumes vor der Kirche waren noch eingeschaltet; er hatte es vermutet.
Clement hängte den Bademantel, vom Kircheneingang aus sichtbar, an einen der unteren Zweige und setzte sich die Mütze auf. Er hatte etwas Mühe, durch das auf seiner nackten Haut stachelnde Astwerk nach oben zu klettern und einen geeigneten Platz zu finden. Dann knotete er den Gürtel erst an einen festen, direkt ober ihm aus dem Stamm ragenden Ast und dann so genau und entschlossen, als bände er sich die Schnürsenkel, um seinen Hals und ließ sich fallen.
Ohne Absicht löste er dabei von den romantisch beflockten Zweigen eine kleine Schneelawine ab, die den Bademantel fast gänzlich bedeckte.

wf

– auch im ebook „Von Küssen & Musen“

ausbrechen

Mein müder Gang im Rund der Stäbe
jäh unterbrochen an der offenen Tür;
der Panther in mir knurrt: ich lebe
noch! – im Sprung verblasst
das Bild von dir

wf

Published in: on Dezember 4, 2007 at 1:24  Comments (1)  
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Antiantianti

Als ich mich 1982 in Erich verliebte, hatte er schon die Absicht, die christlich-ontologische Katastrophe abzuwenden. Er war die kritische westliche Logik in Person und hielt alles, was mit Metaphysik und Spiritualität zu tun hatte, für „Quatsch“. Erich stand auf Kriegsfuß mit Gott, besonders mit dem christlichen, mit der Seele, mit den Ideen, mit dem Kantischen „Ding an sich“ und dem Schopenhauerschen Willen, der dem Seienden zugrunde liegen soll. Seelen, die von einem Körper in einen anderen wandern, auch nach dem Tod, waren ihm ebenfalls ein Gräuel.
Ich dagegen war dem Rationalismus noch nicht verfallen, kam aus der Provinz und verschlang die Platonischen Dialoge zusammen mit dem Eros, den ich damals für mich zu entdecken begann, als etwas Atemberaubendes, das mir dazu verhalf, die Welt mit neuen Augen zu sehen. „Eros ist an Jahren und Ehren der reichste Gott, er, der die Menschen edel und selig macht, im Leben und im Tode“, kann man in Platons „Symposion“ lesen.
Dieser Eros und Erich zusammen waren im Begriff mein Leben durcheinander zu wirbeln. Erich hatte einen heillosen Hang zur Besserwisserei, der durch kein Argument auf der Welt zu stoppen war. Das, was ich an der Universität über Philosophie gelernt hatte, zerpflückte Erich abends bei unseren endlosen Diskussionen im dichten Nebel unserer Zigaretten Stück um Stück bis nur noch ein Trümmerhaufen von inkonsistenten Behauptungen übrig blieb. Hegels System z.B. war für Erich widersprüchlich, weswegen sich alles aus ihm beweisen ließ, also auch die Existenz Gottes. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten wurde unsere Poesie, und der Hegelsche Weltgeist trieb sein Unwesen mit uns, bis wir uns erschöpft in den Armen lagen, und Vater Schlaf uns schließlich übermannte, so dass es völlig egal war, wer Recht hatte.
Dann träumte ich davon, dass Erich mich für immer lieben würde und verzweifelt nach mir suchen würde, wenn wir uns später mal aus den Augen verlieren sollten, wie die zwei Hälften der platonischen Kugelmenschen. Ich war überzeugt davon, dass es nach ihm keinen Mann mehr für mich geben könnte, da mir sein Wissen und seine Bildung unendlich erschienen. Mit zwanzig glaubt man noch an die große Liebe. Ich liebte Erich auf eine Art, die jede Zeile Philosophie, die ich las, mit seinen Gedanken durchwob, so dass er ununterbrochen präsent war und es mir unmöglich wurde, auch nur eine Minute lang daran zu zweifeln, dass er der Mann war, der für mich vom Schicksal bestimmt worden war.

Eines Abends fragte ich Erich: „Warum hat Gott seinen Sohn nicht in der Retorte erzeugt? Wenn er schon allmächtig ist, dann hätte er auch diesen Anachronismus bewirken können und sich die Schmach eines feuchten Sexualaktes ersparen können. Oder er hätte bloß noch ein paar Jährchen warten müssen bis zu seiner Niederkunft nach der Erfindung des Retortenbabys. Ein Gott sollte sich nicht an Jungfrauen vergehen. Das macht im Nachhinein wirklich keinen guten Eindruck. Hat sich Gott eigentlich auch in die Erziehung seines einzigen Sohnes eingemischt? Offensichtlich verlief seine Entwicklung nicht so vorbildlich, sonst hätte Gott seinen Sohn sicherlich nicht mit dem Kreuz bestrafen müssen. Vielleicht hätte er mehr Freude an einem göttlichen Enkel gehabt, aber dieser christliche Gott scheint überhaupt keine Geduld gehabt zu haben. Und die Gene wie das Fremd-Gen, die er besonders hasst, hätte er auch eliminieren können.“
Erich antwortete mir folgendermaßen: „Nichts ist sexier als eine entgleiste Katholikin!“

Sabine Scholz

Published in: on November 26, 2007 at 1:16  Schreibe einen Kommentar  
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lieb-liches

Zum Wesen der Liebe gehört die Kritik – umgekehrt gilt das nicht immer…

wf


Erstaunlich: Herzen haben keinen Verstand und können sich dennoch irren.

wf


Das Gefährlichste an Liebesbriefen ist die Narr-Kose für’s Herz.

wf


Liebe und Anarchie sind die Schmiermittel der Kreativität

wf


Verliebtheit ist die einzige gesellschaftlich akzeptierte Psychose.

wf


Wenn der biochemische Prozess der Verliebtheit abgefackelt ist, geht es ans Eingemachte – das Herz…

wf


Vertane Chancen entpuppen sich manchmal als die am besten verzinsten Anlagen.

wf


Schade, daß sich Herzkaspar bei fast jedem Spiel
in den Schwarzen Peter verwandelt…

wf


Sie zieht eine gewisse Sorte Männer an wie ein Kuhfladen die Schmeissfliegen.

wf


Besser eine hat Haare auf den Zähnen als Fusseln am Maul.

wf


Der Mann hat zwei Herzkammern, die er versucht, möglichst interessant auszustaffieren.
Die Frau hat entweder eine oder ein Dutzend und mehr…

wf


Das weibliche Pendant zum „womanizer“ heißt im Deutschen „Luder“.

wf

Wenn das Luder Torschlusspanik kriegt, interessiert es sich für Hinz und Kunz – aber so heiß‘ ich nun mal nicht….


‚Gut geklammert ist halb gehalten‘, dachte sie und übersah dabei, daß sie ihre Krallen in eine perforierte Stelle seines Herzens geschlagen hatte.

wf


(Nur für Jungs)
Sobald mehr als zwei Frauen in eines Mannes Namen versammelt sind:
– hoffe nur, dass es nicht deiner ist.

wf


Sie fand ihn süß, er sie putzig – und so reichte es auch für ein Puppenhäuschen.

wf


Lebensabschnittspartner:
Beim Abschluss des Leasing-Vertrages schon wissen, dass man sich gelegentlich doch für ein anderes, attraktiveres Modell entscheiden wird.

wf


Manche Frauen werden nur gar, wenn man sie lange bei geringer Hitze köchelt.

wf


Auch wenn beide Motoren schön rund schnurren, heißt das noch nicht, daß die Kiste irgendwann abhebt.

wf


Mein heißes Herz ist an einen Eisberg gestossen und dabei verdampft.

wf


Wer lange Zeit auf Sex verzichtet (aus welchen Gründen auch immer), sollte zumindest versuchen, seine anderen kreativen Lebensäußerungen möglichst geil zu gestalten:
Literatur, Musik, Schach…

wf


Mein Herz ist so heiß, daß ich mich selber ständig dran verbrenn‘.

wf


Es ist schön, mehrere Zauberfrauen zu kennen. Und es ist ebenso schön zu wissen, daß diese Zauberfrauen mehrere Zaubermänner kennen.

wf


Manche hat sich mit Tricksen und Täuschen huschhusch selbst von der Bühne gezaubert.

wf


Wenn du versuchst, einen schon gegangenen Weg rückwärts zu beschreiten, kommst du schnell ins Stolpern.

wf


Eine gute Beziehung
steht oder fällt mit dem
ähnlichen Sinn für
böse Satire.

wf


Bei einem Skat mit drei Damen kann man sich leicht überreizen.

wf


vierdimensional
Ich wollte,
daß du glaubst,
ich würde glauben,
daß du was von mir wolltest.

wf


’n Fetzen Seele hätt‘ ich gern noch riskiert…

wf


Sehr häufig und sehr gefährlich:
Sich in Frauen zu verlieben wegen ihrer spürbaren Kraft, mit Einsamkeit zurechtzukommen.

wf


Auch wenn’s dem Bäcker wohl ums Herz ist, muß er nicht die ganze Welt versemmeln.

wf


Sie gehört zu der Art Frauen, die nicht einmal „Hallo“ sagen würden, wenn wir uns zufällig auf dem Mond begegneten…

wf


An Mißverständnissen in Liebesdingen sind meistens nicht die Texte schuld, sondern die Lese- und Hörfehler.

wf


Wer glaubt, die Liebeserklärung einer Frau zurückweisen zu können, muß mindestens ein Panzerkreuzer sein, um die folgenden Torpedos heil zu überstehen.

wf


Bei unvorhergesehen hereinbrechenden Luftangriffen (schlechtes Radar?) nützt es dir auch nichts mehr, ein Panzerkreuzer zu sein.
(Kannst nur hoffen, daß du nicht mit Mann und Maus untergehst und wenigstens ein Beiboot findest…)

wf


Wie im Schach ist auch im Liebeskampf die Drohung stärker als die Ausführung.

wf


Wenn eine Beziehung zur Hängepartie wird, ist sie noch lange nicht verloren.

wf


Wenn mehrere Damen gleichzeitig versuchen, einen einsamen König matt zu setzen, ist die Gefahr einer Patt-Situation voraussehbar.

wf


Simultan-Schach kann öde sein, wenn man(n) längere Zeit in keiner einzigen Partie zum Zug kommt.

wf


Das sensibelste und anspruchsvollste Flußlebewesen ist der Krebs: stets braucht er klares Wasser, eine abwechslungsreiche Umgebung für seine empfindsamen Fühler und für den Fall, daß zum falschen Zeitpunkt sich ein Weibchen ihm nähert, eine Steinhöhle zum Rückzug.

wf


Mit der Dauer einer Beziehung wächst nicht nur die Anzahl der Rituale, sondern auch der Rostbelag an den Waffen.

wf


Wer den Unterschied zwischen Zärtlichkeit und Zartheit nicht kennt, sollte über die Liebe keine großen Worte machen.
Und sich am besten gar nicht erst Verlieben.

wf


Auch die Katholische Kirche muß ihre Dogmen jetzt langsam umformulieren, etwa: Wer zuviel Cyber-Sex hatte, den erwartet das virtuelle Fegefeuer.

wf


Bei ihren Worten von Liebe wurden ihre Augen so groß, daß ich darin die Bildschirmschoner Einfamilienhaus, Kinderschar und Stapel von Banknoten flimmern sah.

wf.


Sie hatte gerade den Klammeraffen-Käfig über uns gestülpt und nippte zufrieden an ihrem Weinglas.
Glücklicherweise hatte sie vergessen, die Käfigtür zu verriegeln.

wf


Ein langer Blickkontakt kann ein sicheres Zeichen sein.
Für Betrunkenheit.

wf


Der Schnee von heute ist der Matsch von morgen.

wf


Wer sich auf ein scheinbar verlassenes Liebes-Schlachtfeld wagt, braucht sich über noch herumliegende Tellerminen nicht zu wundern.

wf


Manche Frau interessiert sich für Männer wegen der möglichen Erweiterung.
Doch nicht etwa ihres Horizonts oder ihrer Persönlichkeit, sondern ihrer Devotionaliensammlung.

wf


Die meisten Verletzungen fügen sich die Menschen nicht mit Vorsatz zu, sondern durch Mißverständnisse.

wf


Lieber Sex nach Sekt als Text für Ex…

wf


Wenn du weißt, welche Musik die Leute hören, weißt du auch, wie sie ficken.
Immerhin taugen „Bolero“ und „Je t’aime“ grad noch so, die Weiterführung der Evolution zu ermöglichen …

wf


Wäre ich ihr Arschloch, müßte ich mich wohl öfter darüber wundern, wieviel unverdautes Zeug durch mich hindurchgepresst wird.

wf


Es ist nicht so unhöflich, wie allgemein angenommen, eine Frau im Regen stehen zu lassen – wenn du ihr deinen Schirm gibst und selber nass von Dannen schleichst.

wf


Männer sind in ihren Beziehungen zu Frauen immer die Unterlegenen. Physisch und psychisch haben sie einfach nicht die Potenz, um ihr latent selbstverlogenes Ego gegenüber der biologischen Umtriebigkeit (weil Notwendigkeit) der Frauen zu behaupten.

wf


Der Abstand der Erinnerung macht die Farben weicher.

wf


Liebe ist das bewußte Leben in den Prozessen, die die eigene Entwicklung und die eines oder mehrerer anderer Menschen fördern.

wf (frei nach A. W.-Sch.)


Die göttliche Idee der Liebe ist die Zwillingsschwester der Freiheit.

wf (frei nach J.G.Fichte)